DOBROMIR oder DIE INFRAGESTELLUNG DER GEWISSHEIT

Von Josef Pauschenwein

 

Dobromir – ein Zeichner und Grafiker der weiblichen Befindlichkeit und der variantenreiche Darsteller männlicher Annäherung an die Frau. Vor allem aber ist Dobromir ein Bildhauer, der als Assistent von Beuys die große Inszenierung gelernt hat, der hinein gerochen hat in die kultische Atmosphäre eines großen Heroen einer zeitgenössischen Kunst, als diese gerade im Begriffe stand, als zweite avantgardistische Bewegung eine Lösung zu suchen, inwieweit Kunst als menschliche Konstante in Lebenspraxis aufgehen kann und soll oder doch als das Andere und Fremde, als eben künstlich Geschaffenes einen Fluchtpunkt darstellen und bieten kann, um in ästhetischer Wahrnehmung das Zukünftige visionär zum Thema zu machen. Und diese tief  erlebte Differenz ist seither als gestaltetes Rätsel in Dobromirs Kunstschaffen bestimmend geworden.

 

Immer wieder stellt uns Dobromirs Werk vor die Frage eben dieser unserer Wahrnehmung und ihrer bruchlosen Einordnung in das Gesamtkonzept unseres Erfahrungshorizonts. Als Mittel dazu dienen ihm vor allem die Persönlichkeiten aus der Geschichte, die er in Einzelarbeiten oder in Serien zum Thema macht. Obgleich in seinen Portraitplastiken die Personen in ihrer Physiognomie erkenntlich sind, geht es ihm nicht um Mimesis, was besonders dort deutlich wird, wo er sich zum wiederholten Male einer Person nähert und den Kontext der vertrauten geschichtlichen Sichtweisen jeweils neu aufrollt. Der sich ändernde Gesichtsausdruck und vor allem die unterschiedlichen Accessoires und die wechselnde Inszenierung nehmen unserer Wahrnehmung den - jetzt in seiner Zufälligkeit entlarvten -gesicherten Background, stellen das Gewusste in Frage, machen unsere Erfahrung ambivalent. Typische Merkmale bleiben als Erkennungszeichen, darüber hinaus aber werden die Arbeiten zum Diskurs zwischen dem, was unwandelbar als geschichtliches Faktum bleibt und dem, was in der Momentaufnahme des Betrachters im Horizont der geschichtlichen Möglichkeit und der subjektiven Erfahrung das Zufällige ist. Dabei durchbricht er in vielfacher Weise die Fadesse der üblichen Standbilder, ist witzig und ernst, humoristisch, ironisch und kritisch bis zur Selbstkritik.

Im Abrücken von der fotografischen Darstellung muss aber etwas anderes, als das in die Gestalt eingeflossen Bedeutsame zur Wirkung kommen – und es ist ein Doppeltes. Zum einen rückt Dobromir das durch die Zeit hindurch bleibende Wirken und die Werke des in der Büste vorgestellten Dichters, Musikers, etc. ins Bewusstsein, aber eben nicht konkret, sondern nur gedanklich erinnernd. Zum andern wird unser Urteil über die Bedeutsamkeit dieses Menschen zum tragenden Moment der Auseinandersetzung. Unser Blick auf die dargestellte  Person wird zum Thema gemacht und das im Urteil vorgestellte Werk oder die Person dahinter bleibt in der Distanz. Ob das ikonenhafte Gesamtbild dabei vernebelt bleibt, ob es als das unbegreiflich, unbegriffen Ferne in eine Aura des Erhabenen gestellt wird, ob wir uns hier als Wissende bewegen oder die Büste als reines Artefakt sehen – wir sind es, die Betrachter, vielleicht schon die Rezipienten, die in dieser Form der Begegnung vom Künstler mitgedacht, ja mitkonzipiert sind. Wir entgehen ihm nicht. Unsere Reaktion geht als Funktion in Dobromirs Inszenierungen ein und darin auf.

 

Die von Beuys übernommene Idee, dass die Kunstbegabung des Menschen zentral ist, wird bei Dobromir auf der Ebene der ästhetischen Wahrnehmung durchgespielt. Seine Vernissagen werden zum Aktionsfeld einer gemeinsamen Bewegung im inszenierten ästhetischen Raum – bisweilen aber bleibt er, der Initiator als einzig wirklich Agierender übrig. Und er ordnet etwa an, dass das am Sockel neben der Büste vergessene Weinglas stehen bleiben soll, damit der Verdunstungsprozess der Weinreste die Echtzeit spürbar werden lässt, oder er wird zum Moderator der Vergänglichkeit, wenn er das zufällig Veränderliche, das übrig gebliebene Würstchen Bacchus vors Maul legt und es in den Wochen der Ausstellungsdauer langsam zu faulen beginnt.

Bei all diesen Aktionen wird deutlich, dass es eben nicht um die Person in ihrem Habitus geht, es geht um Horizonte, um Kontexte, um Sinnstrukturen, also um Wesentliches. Zu fragen bleibt: Was ist das Wesentliche? Wesentlich für wen?  Es geht in seinen Arbeiten um das Aufspüren unserer subjektiven Beziehungsfiguren zu den jeweils dargestellten Personen und darüber hinaus zur Welt und wir haben, geleitet durch Dobromirs Werke immer die Chance, über die transparent werdenden Muster unserer Wahrnehmung zu lächeln.

 

Dobromirs Inszenierungen – Haydn pur / Haydn mit Antenne, auf der die aktuellen Zeitungen mit immer schon überholten Informationen hängen / Haydn mit Farbe begossen, um ihn ein Heer von Plastiksoldaten versammelt / Haydn freundlich / Haydn streng / Haydn … - sollen hier nicht Anlass zur Interpretation im Einzelfall sein, sondern als Gesamtkonzept befragt werden. Die in diesem Konzept aufgezeigten perspektivischen Sichtweisen konkurrieren nicht bloß mit dem musikgeschichtlich festgeschriebenen Bild von Haydn, sie werden zugleich zu Metaphern über den Umgang mit Wahrheit und Wirklichkeit. – Die an Dobromirs Konzept sich entzündenden Fragen sind, wenn man sich darauf einlässt,  beißend: Wo ist das bleibend Gültige? Ist unsere subjektive individuelle Wahrnehmung in ihrer Verschränkung mit der jeweils subjektiv zeitgebundenen Sichtweise der einzige Maßstab, der uns bleibt? Gibt es daher viele Wahrheiten und jede für sich ist bedeutungslos? Ist in der Synthesis dieser analytisch zu gewinnenden Teilwahrheiten die Wahrheit als endgültige zu gewinnen und Zeit und mithin Geschichte die Dimension, in der die Wahrheit wird?

Diese philosophischen Fragestellungen in Dobromirs Kunstschaffen sind zentral. Er selbst hat mich auf einen Satz von Arthur C. Danto („The Transfiguration of the Common Place“) hingewiesen, der sein Selbstverständnis von Kunst treffend markiert: „Kunst ist zu einem Ende gekommen, indem sie etwas anderes wurde, nämlich Philosophie.“

 

Die Erwartungshaltung eines nur peripher an Kunst geschulten Publikums geht aber selten ins Philosophische. Kunst ist aber, wie Hans Belting treffend formuliert in „hartnäckiger Weise an den Künstler gebunden, der sich darin persönlich ausdrückt, und an einen Betrachter, der sich davon persönlich beeindrucken lässt.“ Und hier bietet Dobromirs Oeuvre vielfach Zugänge und Anknüpfungspunkte, weil es auch eine Sensibilität atmet, die mitreißt und betroffen macht. Hinter seinen Werken steht der ganze Mensch Dobromir, der dem Ganzen seiner Arbeit in der Bewältigung des Faktischen und des Materials, eben seinen so persönlich gefärbten ästhetischen Ausformungen die Qualität des Notwendigen gibt.